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"KIEW"

"KIEW"

03.12.2018 18:11

Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2014? Fast tägliche Fernsehrunden zum Themen "Was will Putin", Bedrohungsszenarien, Gespräche über Sanktionen - den deutschen Leser, Zuschauer, Zuhörer wird ein neues Vokabular in Bezug auf Russland eingetrichtert: "Annexion", "Aggression", "Separatisten", "Destabilisierung" - und folglich - "Sanktionen". Und die Ukraine, wo vor wenigen Wochen und Monaten ein gewaltsamer Machtwechsel herbeibejubelt wurde, sei Opfer Russlands. Viele Mediennutzer waren empört über solche Einseitigkeit, sie bemühten sich um andere Narrative – was der Mainstream vorsorglich als "russische Propaganda und Desinformation" verunglimpfte. Der politische Konflikt mit Russland wurde festgefahren, grundlegend änderte sich dabei lange nichts. Mit der Zeit waren die Krim und die Ukraine nicht mehr das Hauptthema. Und langsam zeichnete sich Normalität ab: Der deutsche Handel mit Russland wuchs, langfristige Projekte wie Nord-Stream 2 wurden beschlossen und vorangetrieben – gegen den erheblichen Druck der Russland-Gegner von beiden Seiten des Atlantiks. Der verlustreiche Krieg in der Ost-Ukraine, der nach Erstürmung einiger Verwaltungsgebäude vonseiten der Aufständischen und darauffolgendem Einsatz schwerer Waffen vonseiten der provisorischen Regierung in Kiew im Frühjahr 2014 begann, wurde eingefroren.
Und dann platzte die Nachricht über den Vorfall in der Straße von Kertsch am 25. November, als zwei ukrainische Patrouillenboote und ein Schlepper von den Schiffen der FSB gerammt und gekentert wurden. Die Besatzung wurde nach einer kurzen Auseinandersetzung aufgrund der Grenzverletzung festgenommen. Beide Seiten warfen einander Provokation vor. Nach eineinhalb Tagen beschloss das ukrainische Parlament auf Gesuch des Präsidenten, das Kriegsrecht in zehn Gebieten der Süd-Ostukraine. Es begann Krim-Krise 2.0. (von Wladislaw Sankin)
"Dänemark will Ausreisepflichtige auf unbewohnte Insel schicken – außerdem wird der Familiennachzug begrenzt"
(rjhCD6149)


"Ukraine wird zu einer Bürde" – der deutsche Streit zum Umgang mit der Ukraine und Russland

Mit den gleichen Beteiligten – Journalisten, Politikern, Diplomaten – wie auch vor vier Jahren hat man in deutschen Medien wieder über das russische "aggressive Verhalten" und "Bruch der internationalen Regeln" diskutiert. Man hat wieder über russische Einmärsche im Baltikum oder gar Polen fabuliert. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnick forderte in deutschen Medien die Entsendung deutscher Kriegsschiffe ins Schwarze Meer. Auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wurde in diesen Tagen oft zitiert – unhinterfragt gab man seine Befürchtungen über einen "großangelegten Krieg" mit Russland weiter. Auch er verlangte mehr NATO-Schiffe im Schwarzen Meer. Der ukrainische Premier Wladimir Groisman forderte in Berlin das Anlegeverbot für russische Schiffe. Eine neue Kriegshysterie war wieder perfekt. Eigentlich.

Denn die Unterschiede zum Jahr 2014 waren nicht zu verkennen. Nicht nur der ukrainische Botschafter wurde befragt. Auch der russische Botschafter kam mit seiner Version zu Wort. Dietmar Bartsch trat mit versöhnlichen Tönen bei der ARD auf. Die Bundesregierung hielt sich mit scharfer Rhetorik gegen Russland zurück. Sorge – ja. Auch Kritik – aber wann hat Berlin in den letzten Jahren Moskau nicht kritisiert? In Buenos Aires besprachen dann Angela Merkel und Wladimir Putin die Sache in aller Ruhe beim Frühstück. Der russische Präsident zeichnete Emmanuel Macron auf dem Papier den Hergang des Vorfalls nach. US-Präsident Donald Trump ging Wladimir Putin beim G20-Gipfel aus dem Weg - ein souveränes Verhalten sieht anders aus.


Gabriel vs. Kramp-Karrenbauer
Zeitgleich zum Gipfel machte sich für Entspannung im wiederaufgeflammen Konflikt der frühere Außenminister Sigmar Gabriel stark. Deutschland dürfe sich "nicht in einen Krieg gegen Russland hineinziehen lassen", sagte er dem Tagesspiegel am 1. Dezember. Ähnlich äußerte er sich am Tag zuvor in einem Interview mit dem Fernsehsender NTV. Gabriel kritisierte Forderungen der Ukraine nach deutschen Kriegsschiffen gegen Russland sowie den Vorschlag nach einer Schließung von internationalen Häfen für russische Schiffe aus der Krim-Region.
Gabriel nannte dies "eine Neuauflage der Kanonenboot-Politik" und spielte damit auf die Vorschläge der CDU-Generalsekretärin und Parteivorsitz-Kandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer an. Sie hatte – ganz im Sinne der Ukraine – eine Schließung von europäischen und US-Häfen für russische Schiffe aus der Krim-Region ins Spiel gebracht. Diese sollten "so lange nicht mehr in europäische oder US-Häfen einlaufen dürfen, wie dieser Zustand mit der Ukraine nicht beseitigt ist", sagte sie der Agentur Reuters.

"Wenn es sich bestätigt, dass die Aggression von Russland ausgegangen ist, dann bin ich der Meinung, muss es auch eine klare Antwort geben", so Kramp-Karrenbauer."
Trotz des Vorbehalts einer "Überprüfung", warf Gabriel Kramp-Karrenbauer vor, "mit starken Sprüchen den innerparteilichen Wahlkampf befördern" zu wollen. Deutschlands Rolle sei die Vermittlung und Deeskalation und nicht das Anheizen des Konflikts, sagte er. Gabriel schlug vor, den Sitz im UN-Sicherheitsrat, den Deutschland ab Januar für zwei Jahre innehat, zu nutzen, um ein UN-Blauhelm-Mandat für die Ost-Ukraine zu beschließen.
"Endlich einen Waffenstillstand erreichen, den Rückzug der schweren Waffen auf beiden Seiten durchsetzen und dann danach auch einen ersten Schritt zum Abbau von Sanktionen unternehmen: das ist der einzige Weg heraus aus diesem völlig verfahrenen Konflikt“, sagte Gabriel."
Zunehmende Abstoßung?
Schwenkt Deutschland auf einen ausgewogeneren Russland-Kurs ein? Geht die Bundesregierung auf Distanz zu Kiew? Wenn man bedenkt, dass Deutschland so etwas wie eine Patenschaft über die Ukraine nach dem Maidan vor fünf Jahren übernommen hat, ja. Russische Experten, mit denen RT sprach, verzeichnen jedenfalls zunehmende Ukraine-Müdigkeit und zwar europaweit.
So sagte der Analyst des Zentrums für Europäische Forschung der Russischen Akademie der Wissenschaften Wladimir Olentschenko, die Kiewer Führung sei daran interessiert, die "äußeren Spieler" in ein bestimmtes "Militärabenteuer" hineinziehen zu lassen. Dennoch, in Deutschland und in der EU insgesamt, riefen solche Handlungen nur Abstoßung hervor.

"Es ist erfreulich, dass man in Deutschland das versteht und diesen Vorfall klar einschätzt, indem man es ablehnt, in solchen Abenteuern der Ukraine als Verbündete aufzutreten," fügte Olentschenko hinzu."
Kiew rechnete mit einer Reaktion vonseiten der Europäischen Union, sagte Anton Bredichin, Leiter des Zentrums für ethnische und internationale Studien, dafür sei auch provoziert worden. Aber Poroschenko habe nicht bekommen, womit er gerechnet habe – die Vertreter der EU hätten sich mit der Standarderklärung von Kritik an Moskau begnügt. Kiew und die USA wollten, dass die Europäer die Ukraine beinahe als vollwertiges Mitglied der EU und NATO ansehen.
"Sie realisieren immer mehr, dass die Ukraine in Wirklichkeit eine schwere Bürde ist, die man eigentlich nicht braucht," so Bredichin."
Bei allen eventuellen juristischen Streitpunkten zum Seerecht, die auch in diesem Fall eine Rolle spielen könnten – der provokative Charakter der unangemeldeten ukrainischen Fahrt auf die Krim-Brücke zu ist offensichtlich. Sollte Russland schärfer reagieren, im schlimmsten Fall mit Versenkung der Boote und Todesfällen vonseiten der ukrainischen Soldaten, gäbe es nun aller Wahrscheinlichkeit nach eine neue andauernde schwere Krise auf der ganzen Linie des Westens gegen Russland – mit unausweichlichen Sanktionen und gefährlichen Drohgebärden. Es bleibt zu hoffen, dass das Kriegsrecht in der Ukraine keine neue Krisen verursachen wird.

Quelle: "unbeliebte_Ukraine"
Made by Germany (von Firuze B.)
"Viele von ihnen vertraten dieselben Ideen und Wertevorstellungen wie wir, die sie durch Atatürk kannten. Im Geiste waren wir uns oft einig mit den Wertvorstellungen der deutschen Kultur. Es schien, als wäre etwas Vereinendes da gewesen, was uns heute durch die globale Politik, durch Machthaber wie Merkel und Erdogan, abhanden gekommen ist", schreibt Firuze B.

(Frau in der Türkei 1953)
Meine Oma mütterlicherseits war ein Kind Atatürks, Opa aber noch mehr. Sie selbst trug ab und zu ein Kopftuch, was Opa ihr immer wieder abriss, laut Erzählungen. Er fand es rückständig und peinlich. Deswegen ist sie auf den Familienfotos von früher nie mit einem Kopftuch zu sehen. Sie arbeitete gemeinsam mit meinem Opa in der ortsansässigen Schulkantine in einem Dorf bei Ankara. Als mein Opa auf tragische Weise ums Leben kam, war für sie klar, dass sie fünf Kinder alleine nicht stemmen konnte.

(Frau in der Türkei 1953)
Nachdem 1961 in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und der Türkei unterzeichnet wurde, stand auch für meine Oma mütterlicherseits fest, dass sie nach Deutschland reisen will. Sie bewarb sich als „Gastarbeiterin“ im Rathaus ihres kleinen Dorfes. Ich beziehe mich hier in diesem Beitrag vornehmlich nur auf die türkischen Migranten aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen und Erzählungen aus meinem Umfeld, schließe aber „Gastarbeiter“ anderer Migrantengruppen nicht aus, die ähnliches Prozedere erlebten.
Das Alter, die Größe und der gesundheitliche Zustand waren wichtige Vorrausetzungen, um nach Deutschland zu reisen. Diese wurden vorher von einem Amtsarzt durchgecheckt, um dann, wenn man „bestanden“ hatte, in den Bus ins Paradies einsteigen zu dürfen. Oma erfüllte die Vorrausetzungen – im Alter von 34 Jahren bekam sie die Bewilligung und Einladung von deutscher Seite aus, nach Deutschland einreisen zu dürfen. Trotz der enorm schweren Entscheidung, überließ sie ihre Kinder hauptsächlich sich selbst und der benachbarten Verwandtschaft. Alle sagten damals zu ihr: „Das darfst du dir nicht entgehen lassen! Tu es für dich und deine Kinder, du kommst ja eh bald wieder.“ So verließen viele Männer und Frauen ihre Heimat. Heute ist sie 78 Jahre alt.
Noch bevor sie überhaupt einen Fuß in Deutschland reinsetzte, wusste man von deutscher Seite aus, wer da kommt, wo sie wohnen wird und vor allem stand auch schon fest, wo sie arbeiten würde. Aber das nur so am Rande.

Nach ihrer Ankunft in Deutschland begann ihre Arbeiterkarriere am Fließband bei Spreewaldgurken. Danach arbeitete sie bei Kodak am Band. Und siehe da, es waren plötzlich schon sieben Jahre vergangen – ihre fünf Kinder hatte sie schon zu sich nach Deutschland holen können. Sie trug kein Kopftuch – weder sie, ihre Töchter also weder meine Mutter oder Tanten.
Das tat sie unter anderem für ihren verstorbenen Mann, von dem sie wusste, er würde es vor allem in Deutschland noch peinlicher und rückständiger finden, wenn sie mit diesem „Ding“ rumlaufen würde. Außerdem ist für sie eine Person, die in der Gesellschaft negativ auffällt, und das konnte schon durch „falsche“ oder unpassende Kleidung sein und erst recht durch schlechtes Verhalten, der absolute Horror. Also eine Frage des Anstands – keine der Religion oder sonstiges. Sie wollte ihren verstorbenen Mann nicht beschämen – genau aus diesen Gründen verheiratete sie auch schnell ihre drei Töchter, die nicht mal volljährig waren.
Die älteste Tochter war zu jener Zeit erst 14 Jahre alt. Noch bevor sie durch den Familiennachzug in Deutschland ankam, stand für alle fest, dass sie heiraten wird – nur sie selbst wusste es nicht. Man lockte sie mit leeren Versprechungen, sie könne in Deutschland zur Schule gehen. Ein Traumgedanke von ihr, denn ihr Vater schwärmte stets davon, dass sie einmal studieren würde. Bei den deutschen Behörden wurde ihr Alter statt 14 mit 17 angegeben, damit sie nach knapp einem Jahr „Verlobungszeit“ ihren 25 Jahre älteren Mann offiziell auch beim Standesamt heiraten konnte. Die reinste Tortur für das Mädchen damals, für die heute über 60-jährige Frau. Drei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Drei Kinder, noch vor ihrem 18. Geburtstag. Aus eurozentristischer Perspektive eigentlich ein Skandal, der nur mit Missbrauch tituliert werden kann. Aus der Perspektive meiner Oma und ihrem Weltbild zunächst eine Notwendigkeit und aber auch Normalität. Sie selbst war mit 16 verheiratet worden damals. Was sind schon ein, zwei Jahre weniger?

Keiner weiß, ob Opa das jemals zugelassen hätte, wir werden es auch nie erfahren. Die meisten aus der Familie sagen: „Wäre Opa da gewesen, wäre das ja gar nicht nötig gewesen.“ Also es war nur eine Konsequenz seiner Abwesenheit, und Oma wusste sich nicht weiter zu helfen. Andere sagen: „Opa hätte das niemals zugelassen, weil er gewollt hätte, dass seine Mädchen sich bilden.“ Was nun stimmen könnte, weiß keiner. Ich weiß nur, dass dieser Opa, den ich nie kennenlernte, weil er durch Ehrenmord (ja, damals brachte man die Männer genauso um die Ecke) eine große Projektionsfläche für „Was wäre, wenn“-Geschichten bei allen Geschwistern ist.
Was unterm Strich übrig bleibt, ist: Es hätte scheinbar einen Mann/Vater gebraucht, um viel Leid zu verhindern, laut meiner Oma und laut aller Beteiligten. Alle Geschwister, wirklich alle fünf, sind auf ihre Weise gezeichnet von der Vergangenheit. Mal depressiv und melancholisch – jeder meiner Tanten und Onkel hat bittere Erfahrungen machen müssen.
Gut, nebenbei bemerkt ist es auch eine Mentalitäts- und Temperamentsache bei Türken, sich auch mal im Leid zu suhlen. Bei Feierlichkeiten trinkt man auch mal Alkohol und hört so lange im Kollektiv traurige Musik, bis man heult und schluchzend mitsingt – das ist eine Art der Katharsis und tut gut. Man lässt dem Frust freien Lauf, beklagt die Dinge, die falsch liefen, entleert den angestauten Schmerz und danach wird wieder getanzt und gelacht.


"Säkulärer Islam)
Aber was ist, wenn der Schmerz nicht nachlässt, nicht wegzuweinen oder -singen ist, geschweige denn wegzutrinken? Weil die Vergangenheit einen immer wieder einholt. Wenn man den Geschichten zuhört, ist es tatsächlich kaum zu glauben, dass diese Menschen heute fast ganz normal leben. Aber so ist der Mensch – er erträgt was ihn nicht umbringt. Dafür jammert er ab und zu oder auch öfter. Auch in Deutschland war die Mehrzahl der Gesellschaft zutiefst durch den Krieg traumatisiert, nur wurde das nicht großartig thematisiert zu jener Zeit, wie so vieles nicht. Katharsis gab es nur einseitig und davon reichlich – bis heute. Ich habe mal gelesen, dass laut einer Studie ein normaler Umzug, also ein Wohnortswechsel nach dem Verlust eines geliebten Menschen (also dem Tod), die schwersten traumatisierenden Gefühle in einem Menschen auslösen können. Wie ist es dann bei Migrationserfahrungen (ohne Ehrenmord)? Wie ist es dann, einen Krieg zu überleben (an dem man die Schuld zugewiesen bekommt)? Was für Menschengruppen sind da damals aufeinander getroffen?
Kurzer Gedankensprung:

Heute machen sich männliche Geflohene, Einwanderer, Migranten, wie man es auch nennen möchte, um viele Jahre jünger, um „Schutz“ in Deutschland vor ihrer Heimat zu bekommen. Damals machte man die Mädchen (das war keine ungewöhnliche Praktik) älter, um sie vor Deutschland in Deutschland zu schützen. Geschützt werden mussten meine Tanten und meine Mutter vor allem vor den eigenen Landsleuten, also den Türken – den anderen Gastarbeitern – vor deren böser Nachrede.
Aber nicht vor den Deutschen selbst, sondern nur vor ihrem Einfluss – als sei er ansteckend. Tatsächlich war er das, wie wir heute sehen können. Umso mehr man sich in deutschen Kreisen aufhielt, desto „deutscher“ wurde man. Dies galt es für meine Oma und die meisten anderen türkischen Familien in Bezug auf ihre Töchter zu unterbinden. Die eigene Kultur sollte bewahrt werden. Das System fand man gut, nur die dazugehörende Lebenskultur nicht. Dass diese beiden unweigerlich miteinander zusammenhängen, wollte man damals wie auch heute nicht akzeptieren.
So entstand unter anderem eine ganze Generation, ich benutze den Begriff zwar ungern, aber so war es nun, „traumatisierter“ innerlich zerrissener Mütter und Väter. Sei es durch Kinderehen, Ehrenmorde, Desillusionierung, innere Zerrissenheit etc. Schaute man sich zu dieser Zeit die Deutschen an, die grundsätzlich unglücklich aussahen, wollte man alles sein, nur nicht wie sie. Wer sollte schon ahnen, wie es damals war „deutsch“ zu sein? „Deutsch sein“ war und ist teilweise manchmal immer noch ein Synonym für „schuld sein“. Wie soll man so etwas wissen, wenn man nicht mal deutsch sprechen konnte?

Die Gratwanderung, in diesem Spannungsverhältnis zwischen zwei Welten zu leben, macht meine Generation. Dass wir dies überhaupt durften, „verdanken“ wir den traumatischen Erfahrungen, die unsere Eltern erlitten – und die mutig genug waren, Abstriche in der „eigenen Kultur“ zu machen. Die Akzeptanz wuchs und man wollte sich immer mehr dem Lebensstil der Gesellschaft, in der man lebte, anpassen. Außerdem berief man sich oft auf Mustafa Kemal Atatürk, um seine „moderne Lebensweise“ auch bei den eigenen Landsleuten zu legitimieren. Und dadurch war er es auch. So entstanden auch die zwei Lager innerhalb der türkischen Communities in Deutschland – die Modernen und die Traditionellen. Der Konflikt ist ein alter. Es ist der Konflikt zwischen den Liberalen und den Konservativen – der Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt. Zwischen einem Teenager und seinen alten Eltern.
Den Einfluss der westlichen Moderne gab es in der Türkei durch Atatürk jedoch schon vor 1923, doch war er zu jener Zeit noch nicht in das ganze Land gedrungen, und es gab natürlich Widerstände. Aber dieser Einfluss, den es damals gab, verbunden mit der Politik, die Atatürk einführte, dass Frauen arbeiten und wählen durften – und vor allem, dass die Regierung säkularisiert wurde, ist wohl einer der maßgeblichsten Unterschiede zu den Menschen aus den arabischen und afrikanischen Ländern, die heute hierher kommen.
Die Menschen, die damals aus der Türkei kamen, hatten schon Berührung mit der Idee des säkularen Staates gehabt, mit der Demokratie. Atatürk hatte viele Anhänger, die Jugend brannte für ihn, die Älteren mochten ihn nicht so sehr. Jedoch hatte Atatürk auch charakteristisch für diese Zeit in Europa einen Führerkult um sich entfacht. Das heißt, manche folgten ihm blind, ohne zu wissen, was die politischen Umwälzungen bedeuteten.
In Deutschland angekommen, sahen einige türkische Gastarbeiter erschrocken, was es bedeutet, in einem “modernen europäischen Staat“ zu leben – und neigten wieder zu konservativen und religiösen Haltungen. Ich denke, weil die Kluft zu groß und unüberwindbar schien, weil man nur sah was verloren ging und nicht was man gewinnen konnte in der neuen freien Welt.

Zu weit auseinander waren die Entwicklungssprünge. So war der Satz: „Werd ja nicht wie die Deutschen!“, schon fast mehr eine düstere Prophezeiung, später wurde sie zu einer Beleidigung.
Die meisten Menschen, die heute aus den arabischen oder afrikanischen Ländern nach Deutschland kommen, sind zwar auch überwiegend Muslime, nur hatten diese in ihren Heimatländern meistens noch keine Ansätze der „freien Welt“ – keinen Staat, keine Republik, keine Demokratie, wie wir sie kennen. Sie lebten nach alt tradierter Kultur, die geprägt war und ist durch die Religion, durch die geographische Lage und natürlich durch den Führungsstil der Machthaber des Landes.
Für die türkische Bevölkerung war ab dem Jahr 1923, als die Türkische Republik durch Atatürk ausgerufen und gegründet wurde, die eine strenge Trennung von Staat und Religion vorsieht, die Staatsdoktrin. Natürlich kann man das heute kritisieren auf welche Weise all das geschah, aber der Zeitgeist war ein anderer.
Sowohl Islamisten als auch pro-westlich orientierte Kräfte kritisieren den autoritären und nationalistischen Charakter des „Kemalismus“. Gegen den erbitterten Widerstand traditionalistischer Kräfte setzte Atatürk eine strikte Trennung von Staat und Religion durch. Den Frauen wurde das Tragen des Schleiers in der Öffentlichkeit verboten, (Ja, er tat es einfach) den Männern der traditionelle Fez (bei den Männern auch). Statt des arabischen Alphabets wurde die lateinische Schrift eingeführt. Die Verfassung und das Rechtssystem wurden nach europäischen Normen ausgerichtet. Zugleich wurden separatistische Bestrebungen – vor allem der Kurden – unterdrückt. Dem Militär wurde eine vorrangige Stellung bei der Wahrung des politischen Systems eingeräumt. Bei all diesen politischen Umwälzungen ist jedoch zu berücksichtigen, dass es immer eine Ausrichtung nach Europa gab und dass zumindest unverhüllte Frauen für die meisten Türken damals schon nichts neues mehr waren. Atatürk zwang die Türken „modern“ zu sein – so wie mein Opa meiner Oma ihr Kopftuch entriss, wenn sie es aus Gewohnheit umband.
Trotz all der kritisierbaren Umstände, die heute mehr denn je auf dem Prüfstand liegen, frage ich mich, sind es nicht vielleicht genau die politischen Einflüsse von damals gewesen, dass die Menschen, die her kamen, oft mehr Respekt und Ehrfurcht vor Deutschland und seiner Kultur hatten als die, die heute her kommen? Nämlich dass Atatürk Europa als Vorbild nahm und bestrebt war, die Türkei nach diesem Vorbild umzugestalten und man als Kemalist diesen Idealen folgte?
Ich erinnere mich gut daran, dass meine Eltern (auch Kemalisten) zwar nicht alles hier gut fanden, aber immer großen Respekt zollten vor der Lebensweise hier. Davon ist heute kaum eine Spur mehr da. Weder bei Türken noch anderen ethnischen Gruppen, wie wir täglich in den Medien mitbekommen, wenn wir es mitbekommen dürfen. Nicht mal bei den eigenen Politikern dieses Landes. Atatürk wurde in der Türkei ideologisch langsam, aber sicher von Erdogan entmachtet. Die Kemalisten „sterben“ langsam aus. Der Konflikt in der Türkei wurde neu entfacht und erstreckt sich bis zu uns nach Deutschland. Merkel hat über Jahre hinweg an den Säulen unseres Wertekanons gesägt, sodass er jederzeit zu brechen droht. Vielleicht schon zerbrochen ist. Atatürks Ideologie hat sich an unseren europäischen Werten orientiert. Werte, die heute sogar bei uns ihre Substanz zu verlieren scheinen.
Es scheint mir aber, als seien es unter anderem auch diese kleinen, aber feinen Unterschiede dieser Generation, die beeinflusst war vom Kemalismus, dass es viele türkischstämmige Menschen wie mich gibt, die mittlerweile mehr hinter „dem deutschen Staat“ stehen als jeder deutscher „Gutmensch“.

Jene, welche die Säkularisierung mehr schützen wollen und zu schätzen wissen als manch Atheist. Die Frauenrechte wirklich ernst nehmen und unseren Feminismus, den im Islam verankerten „niedrigeren Rang der Frau in der Gesellschaft“ (um es sanft auszudrücken) und die Frauenfeindlichkeit anprangert, kritisiert und nicht „verschleiert.“ Die Deutschland lieben und trotz all seiner Unzulänglichkeiten dessen fortschrittlichen Errungenschaften und Werte, die es mal hatte, im Vergleich zu anderen Ländern wertschätzen und festhalten wollen und stolz sagen: „Wir kommen aus Deutschland!“
Aber wir erkennen unser Land auch kaum noch wieder. Meine Oma sagte letztens dazu: „Deutschland hat seine Qualität verloren.“ Damit meinte sie jedoch nicht das Label: Made in Germany. Sie meinte damit, dass es mal eine Zeit gab, in der nicht einfach jeder kommen konnte, wie er wollte, tun konnte, was er will ohne Rücksicht auf Verluste, sondern dass es für sie damals ein Privileg war, hier her zu kommen, auch wenn es viele Abstriche gab.
Ich trauere, weil all die erbrachten Opfer und Errungenschaften, Entwicklungen die wir in Deutschland machen konnten, die Erfolge und Verbesserungen unserer sozialen und kulturellen Lebensumstände seitens der deutschen Bevölkerung und derjenigen, die sich anpassten, manchmal absolut wertlos erscheinen, aber nicht im Sinne: „Niemand sieht wie toll wir uns integriert haben!“, sondern: „War das alles umsonst?“ Hätten wir einfach genauso weitermachen sollen wie Oma damals mit ihren Töchtern, wenn heute alle Werte und die Kultur an die wir uns anpassten ausgehöhlt werden? Wozu dann all dieses Leid, die Anstrengungen, wenn heute diejenigen, die dahinter stehen, sich nur noch wie eine Minderheit anfühlen?
Vielleicht sind wir zu leise, vielleicht weniger als gedacht – aber oft ist es die kemalistisch geprägte Generation meiner Eltern, die in Gesprächen oft sagt: „Ich verstehe dieses Land nicht mehr.“

Sie waren vielleicht nie wirklich gut „integriert“, sprachen schlecht deutsch, aber ebneten uns (manchmal auch eher schlecht als recht) – ihren Kindern – den Weg in diese Gesellschaft. Der Wille war da, denn viele von ihnen vertraten dieselben Ideen und Wertevorstellungen wie wir, die sie durch Atatürk kannten. Im Geiste waren wir uns oft einig mit den Wertvorstellungen der deutschen Kultur. Es schien, als wäre etwas Vereinendes da gewesen, was uns heute durch die globale Politik, durch Machthaber wie Merkel und Erdogan, abhanden gekommen ist.
Quelle: "Wertevorstellung d. Kulturen"

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  • Erstellt von meineHeimat In der Kategorie Allgemein am 03.12.2018 18:11:00 Uhr

    zuletzt bearbeitet: 03.12.2018 18:29
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